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Ein Schleier von Scham über den kleinen Romanzen

Pünktlich mit den ersten warmen Sonnenstrahlen dieses Jahres saß ich mit einer Freundin auf dem Platz vor unserem Lieblingscafé. Wie alle anderen Gäste um uns herum streckten wir die vom Winter noch ganz weißen Gesichter ins Licht.   


Unser Gesprächsthemen waren passend zum Frühling: Flirts und Romanzen, die Kleinen und Großen aus vergangenen Sommern. Nach einigen Auslegungen aufregender Erzählungen fragte ich mich:

Werden die kleinen unter den Romanzen möglicherweise maßlos unterschätzt?

Wir leben in einer Zeit, in der Dating erlaubt ist, ohne, dass Eheschließung zwangsläufig ein angestrebtes Ziel sein muss. Mein Eindruck ist nichtsdestotrotz, dass neben der Aufregung, die die Erzählungen dieser Erlebnisse mit sich bringen noch immer ein Rest-Schleier von Verurteilung über bloßen Affären und Romanzen liegt, insbesondere in der heterosexuellen Dating-Szene.

Trotz unzähliger Apps, die ein Date mit ein paar Swipes schnell möglich macht, scheint das Daten an sich immer noch ziemlich großen Stress auszulösen. Das liegt sicherlich an vielerlei Gründen, hier die Darlegung für einen davon:


Esther Perell, Autorin des Buches “Mating in Captivity” sagte in einem Interview:

„Many people you will love, and they are not necessary the people you will make a life with”.


Dieser Satz blieb noch ein bisschen mit mir, denn ich glaube, dass die meisten von uns sich genau das nicht erlauben. Denn auch, wenn „zwangloses“ Daten in dieser Zeit erlaubt und beworben wird, beobachtete ich bei mir selbst und anderen, dass nur wenige viel länger verweilen, sobald der Gedanke aufkommt, nicht sein ganzes Leben mit dem anderen verbringen zu wollen.

Doch wie können wir herausfinden, was uns wichtig ist und wer wir  sein möchten, wenn ich mir romantischen Kontakt nur mit Menschen erlaube, mit denen ich mir langfristig auch ein gemeinsames Leben vorstellen kann.

Vor vielen Jahren hatte ich ein One-Night-Stand, bei dem mir klar war, dass es auch dabei bleiben würde. Es war ein Gefühl, welches wir offenbar teilten, denn nach der gemeinsamen Nacht sagte er zu mir: „Danke, für diese wunderschöne Nacht. Wir werden uns wohl nicht wiedersehen – aber unsere Begegnung war für mich ein Riesengeschenk.“

Bum.

Da war es. Ehrlich, aufrichtig und wertschätzend. Kein heimliches Rausschleichen oder falsche Versprechungen, die eine mögliche Unannehmlichkeit vermeiden sollten. Ich kann nicht behaupten, dass ich mich bis dahin auch nur ähnlich verhalten hatte. Ganz im Gegenteil: Ein Rausschleichen, oder ein unverbindliches: „Wir sehen uns“, schien mir naheliegender. Doch wie viel Respekt hatte ich darin vor mir selbst, wenn ich den Menschen, mit dem ich die letzte Nacht intim gewesen war, nicht länger respektvoll behandeln konnte, sobald der Rausch abnahm.

Diese Begegnung eröffnete in mir eine neue Möglichkeit des Umgangs: Zugewandt im Abschied zu bleiben, nachdem wir auch schon die ganze Nacht zugewandt zueinander gewesen waren.


Kleine Romanzen können ein Riesengeschenk sein, wenn wir sie als solches behandeln und einander darin aufrichtig begegnen. Kleine Romanzen geben uns die Möglichkeit aufgeregt zu sein und, uns in romantischen Begegnungen auszuprobieren.


Kleine Romanzen können in uns als romantische Erinnerung weiterleben, solange der Abschied romantisch bleibt, wenn wir merken, dass es nun Zeit ist zu gehen.



Bild: pexels

 



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